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Bist du in deiner Rolle, lässt sie dich nie mehr los


Jim ist als ungezogener junger Bursche zur Welt gekommen. Er war nie besonders freundlich. Hat sich immer gewehrt, um sich geschlagen und geschrien wie am Spiess.

Er war gerade mal 10 Jahre alt, als er zum ersten Mal eine Zigarette geraucht hatte. Die ganze, obwohl er gelb anlief und versuchte das Husten zu unterdrücken.

Mit 14 fing er schliesslich an zu kiffen. Nur ab und zu. Einmal am Wochenende. Vielleicht auch zweimal, wenn ihm danach war.

Mit 15 musste er sich zum ersten Mal erbrechen, weil er zu viel getrunken hatte. Er war mit Freunden unterwegs, der grosse Bruder des einen hatte ihnen Wodka gekauft.

Mit 16 hat man ihn beim Klauen erwischt und mit 17 kiffte er dann fast täglich. Manchmal war er zu müde, dann rauchte er am nächsten Tag gleich zwei. Während dieser Zeit lernte er auch verschiedene Mädchen kennen. Schliesslich sah Jim nicht schlecht aus. Er hatte dunkle, fast schwarze Locken. Hohe Wangenknocken, eine dünne Nase, volle Lippen, war gross, hatte eine stattliche Figur und dunkle Augen. Er war oft dunkel gekleidet, und mochte es so, auch wenn er oft schräge Blicke erntete. Piercings und Tattoos hatte er keine, wollte er auch nicht. Eine Beziehung wollte er ebenso wenig. Was wussten die Frauen schon. Sie interessierten ihn kaum, aber sie himmelten ihn an und bald war er fast jede Woche mit einem neuen Mädchen unterwegs. Obwohl unterwegs sein wohl der falsche Ausdruck wäre, er gabelte sie auf, lies seinen Charme wirken, lächelte sie an und landete alsbald mit ihr im Bett. Oder auf dem Sofa, wo sie halt gerade waren. So ging es täglich zu und her. Bis er genug von einem Weib - wie er sie nannte - hatte und sich die nächste holte. Das erste Mal hatte er mit einer 24 Jährigen. Er ist damals gerade 16 geworden und hat sie bei der Homeparty eines Freundes kennengelernt. War geil, hat er ihr danach gesagt und ist weiter feiern gegangen.

 

Zu Hause war er selten. Oftmals kam er erst spät in der Nacht nach Hause, und dass auch unter der Woche. Er wohnte bei seinen Eltern, der Vater war selbst ein Trunkenbold und die Mutter hatte nichts zu sagen im Haus. Das wusste Jim und wurde kurz vor Ende der regulären Schulzeit aus der Schule geworfen. Er hätte sich nicht bemüht und sei obendrein zu demotiviert. Was auch stimmte, dass wusste Jim, aber er sass achselzuckend auf dem Rektorstuhlund fummelte bereits an seiner Zigarettenschachtel herum. Was interessierte es ihn. Er streunte umher. Seine Mutter weinte abends, er konnte sie durch die dünne Zimmerwand hören. Bis der Vater laut wurde und es plötzlich klatschte. Dann war sie ruhig. Aber bat ihn manchmal flehend um Vernunft. Wird schon wieder, hat Jim immer gesagt, also nerv mich nicht, Mann.

 

Mit 18 nahm er dann zum ersten Mal harte Drogen. Koks oder so, er wusste es selbst nicht genau, aber es fühlte sich gut an. Also nahm er es nochmals. Und nochmals. Und nochmals. Und bald konnte er kaum mehr ohne das Zeugs leben. Es gab kaum mehr Tage an denen er nicht dicht war. Morgens ein Joint, den Tag durch zehn Zigaretten, am Abend vielleicht eine Linie.

 

Dann der Tag X.

Jim war 19. Fast schon 20. Seine Haare strähnig lang, sein Gesicht eingefallen, aber immer noch elegant. Er sass mit der Crew unter ihrer Brücke. Sie tranken und gaben einen Joint im Kreis herum. Es war kühl dort unten, der Herbst nahte langsam.

Dann klingelte Jims Telefon. Sein alter Freund Casper war dran.

Heyo Alter, alles klar? Die Antwort war ein Weinen und der zugedröhnte Jim war verwirrt. Casper? Es sniefte. Verfluchte Scheisse, hörte er durch das Sniefen hindurch. Die Stimme gehörte nicht Casp.

Lea?

Keine Antwort.

Lea, verdammt was is' 'n los?

Jim wurde laut.

Er ist tot, Jim.

Stille.

Tot.

Hast du gehört?

Ihre Stimme zitterte.

Jim, er ist tot!

Jetzt schrie sie auch beinahe.

Jim reagierte nicht. Von einem Augenblick auf den anderen,drehte sich die Welt vor seinen Augen. Er nahm das Telefon weg vom Ohr und sagte fast flüsternd in die Runde: Casp ist tot.

Dann wollte er aufstehen, kippte aber gleich wieder zur Seite und die Welt um ihn herum wurde schwarz.

 

Jim war schon immer ein ungezogener Junge. Er schrie laut, schlug um sich und mit fast 20 Jahren war er Drogenabhängig und hing senkrechtin seiner Bahn. Als sein langjähriger Freund Casper tot unter einer Brücke gefunden wurde, wollte Jim nicht mehr. Er setzte alles ab. Seine Welt brach in sich zusammen und er meldete sich eigenständig in einer Entzugsklinik an. Dort blieb er 2 Jahre lang. Er wollte sich ändern. Wollte nicht enden wie Casper. Wollte sich selbst ändern. Aber deine Rolle, die du dir aufgebaut hast, wirst du so schnell nicht los. Das hat ihm sein Vater tagtäglich an den Kopf geworfen, wenn Jim versuchte Verantwortung zu übernehmen. Es ist zu spät, Junge, meinte er und Jim zuckte unter den Worten zusammen. Nach 2 Jahren wurde Jim entlassen. Er war jetzt 22 Jahre alt. Hatte keine Ausbildung. Keinen Job. Keinen Schulabschluss. Keine Freunde. Er war am Ende.

Aber gleichzeitig auch am Anfang. Am Anfang dieses neuen Jim, ein Jim, auf dem sein bisheriges Leben Spuren hinterlassen hat. Aber er wollte sich ändern. Wollte sein altes Ich abwerfen und sich bemühen. Mit 23 hatte er eine Ausbildung angefangen. Es machte ihm Spass, er war froh einen körperlich anstrengenden Beruf ausüben zu können. Mit 25 schloss er die Lehre ab und widmete seine Zeit ehrenamtlich der Hilfe für Drogenabhängige Jugendliche. Seine alten Kiffer-Freunde sah er nie mehr. Bis auf Lea. Er erkannte sie am Strassenrand, spärlich bekleidet und mit zu viel Schminke im Gesicht. Er beachtete sie nicht.

 

Jim war dieser ungezogene Junge und er hatte sich ein Image vermacht, das er kaum mehr loswurde. Obwohl eine Rolle nie ganz abgelegt werden kann, lassen sich die Kostüme im Schrank austauschen. Es liegt an dir zu entscheiden, welches Kleidungsstück zu heute anziehst.

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