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Gedanken vor der Abreise

Ich war ein letztes Mal im Emmental. Ein letztes Mal fahre ich von Langnau nach Hause und versuche mich daran zu erinnern, dass ich meinen Vater noch anrufen sollte, wenn ich sicher daheim angekommen bin. Natürlich ist es nicht das letzte Mal im Leben, aber auf jeden Fall das letzte Mal für eine ganze Weile. Während ich unter normalen Umständen alle vier bis sechs Wochen in Richtung Heimat YBs fahre, muss ich diese Gewohnheit für die nächsten 10 Monate bei Seite schieben. Meine Flügel breiten sich aus und treiben mich in den englischen Norden nach London.

 

In einer Woche ist es soweit. Ich werde den engen Bauch einer Maschine betreten, die sich Flugzeug nennt, mich auf meinem zugewiesenen und viel zu engen Sitz setzten und vor lauter Aufregung das Atmen vergessen. Die bekannte und heimatverbundene Landschaft zieht an mir vorbei und beruhigt zum einen meine strapazierten Nerven, zum anderen lässt sie mich in Wehmut schwelgen, da ein kleiner Teil in mir (nur ein ganz mickriger Teil) nicht weg möchte. Dieser kleine Teil schreit nach Aufmerksamkeit und lässt mein Herz beben. Er erinnert mich daran, dass die Schweiz doch schön genug ist und ich auch hier ein Englisch Exam ablegen könnte. Er schreit mich an, dass ich meine Freunde verlieren werde, wenn ich so lange verschwinde und dass ich keinen Anschluss finden werde. Dass ich zu schüchtern bin für die Welt da draussen. Zu unreif und zu ruhig. Nicht fähig neue Kontakte zu schliessen und dass ich bekannte Umgebung brauche, damit ich mich vollends wohl fühle.

 

Der grosse Rest nimmt die Beine unter die Arme, rennt los und hält nicht an. Er eilt nach vorne, vielleicht etwas überstürzt aber mit Bestimmtheit und einem Ziel vor Augen. Ich freue mich auf die Zeit, bin aufgeregt und im positiven Sinne gespannt auf das, was kommt. Ich kann es kaum erwarten und eifre dem Abflugtag entgegen, mit der Hoffnung, die Wartezeit würde sich dadurch etwas verkürzen. Aber es geht so schnell wie es gehen muss. So habe ich Zeit mich bei allen zu verabschieden. Dicke Umarmungen zu verteilen und vielleicht auch zu erhalten.

Das Gehen ist vermutlich einfacher als das bleiben. Besonders wenn man sich daran gewöhnt ist, einander fast täglich zu sehen. Der Alltag hier geht weiter. Während ich mich vermutlich in der hektisch britischen Metropole täglich neu verirren werde. Ich hoffe, dass mich die neue Umgebung davon abhalten wird, täglich an zu Hause zu denken. Ich hoffe neue Gesichter zu treffen, die mich vergessen lassen, dass meine liebsten kurz- und langfristigen Freunde rund 800 km von mir entfernt wohnen. Ich bin gespannt. Kann es eigentlich noch nicht ganz fassen, bald auf englischem Boden zu stehen und dass für eine weitaus längere Zeit als bloss ein bis zwei Wochen. Grundsätzlich bin ich – mit einem Minianteil von Unbehagen – sehr positiv eingestellt. Ich versuche es zumindest.

Sprachaufenthalte jeglicher Art, sei es als Aupair oder Schüleraustausch, lohnen sich ohnehin. Ich schätze sie als grossen Mehrwert ein. Für einmal alleine wohnen bzw. in einer völlig neuen Familienkonstellation, ohne jemanden zu kennen. Man wird buchstäblich ins kalte Wasser geworfen und nebenbei sprechen die dann auch noch alle eine andere Sprache. Stress pur. Aber eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen möchte.

 

Warst du schon einmal in einem Sprachaufenthalt?

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