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Ein Herbstspaziergang


Spaziergänge sind nicht im geringsten eine Reise im eigentlichen Sinne. Wohl eher eine Reise in die Gedanken. Wenn ich locker und ohne grosse Mühe durch die Wälder spaziere, die Kopfhörer auf, die Kamera geschultert, dann bin ich mehr als zufrieden und brauche keine Strände und grüne Palmen zu sehen. Dann reicht mir ein lichtdurchfluteter Wald und das leise zwitschern der Morgenvögel.

Letztens war ich in meinem Heimatwald unterwegs, der bloss 10 Minuten von meinem zu Hause entfernt ist. Er ist klein, und bloss eine grosse Strasse, auf der alle Menschen in Windeseile mit ihren Autos durchbrettern, führt hindurch. Jedoch verzweigen sich an einigen Orten, kleine Pfade, die ins Innere des Waldes führen. Das Herzstück.

 

Es war ein nebliger Mittwochmorgen. Ich hatte frei und entschloss mich einige Fotos der nebelbehangten Bäume zu machen. Natürlich sah alles um einiges trister und grauer aus und eigentlich bin ich auch kein grosser Fan von Photoshop + Co. Aber manchmal liebe ich es Fotos in meinem Sinne aufzupeppen, sodass sie die Stimmung widerspiegeln, die ich in dem Moment hatte.

 

Ich lauschte der Musik in meinen Ohren und liess mich vollends auf die Natur und was sie zu bieten hat ein. Weit weg von Stress, Autos, schreienden und eilenden Menschen und Abgasen in der Luft. Ich linste durch meinen Sucher und hielt einige Momente des Waldes fest. Dann kam mir ein älteres Pärchen entgegen. Sie guckten mich an. Etwas schräg. Halb lächelnd, aber sie schienen verwaist. "Grüezi.", sagten sie, nickten mir zu und liefen weiter. Obwohl ich mir sicher war, dass sie am liebsten gefragt hätten "Was machst du denn hier um diese Zeit?" Nun ich geniesse die frische Luft, wie es jeder tun sollte. Auf gut deutsch gesagt vertrete ich mir die Beine.

 

Dabei sollte es doch nichts merkwürdiges sein, wenn man morgens spazieren geht. Jeder hat seine Bedürfnisse, die zu Erfüllen gelten. Ich kenne einige junge Menschen, die sich ebenfalls im Wald tummeln. Die einen joggen, die anderen gehen zu zweit, wiederum andere beschäftigen sich alleine und brauchen manchmal einfach etwas Abstand von der Welt.

Abstand. Luft holen. Neue Energie tanken. Zurück zum Ursprung.

Den Tag davor war ich an einer Beerdigung eines Bekannten. Umso schöner war die Reise durch den Wald, mit den Gedanken zwischen Tod und Leben. Das Leben, dass kommt und geht. Ein Baum wächst und wächst bis er müde wird und stirbt. Wir fürchten den Tod, nicht wahr? Wir fürchten, vergessen zu werden. Wir fürchten alleine zu sein und keine Erinnerung hinterlassen zu haben. Dabei fürchten wir uns manchmal so sehr, dass wir vergessen wieder richtig zu leben.

 

Der Herbst. Die Natur stirbt ab. Sie färbt sich gelb, rot, braun und versinkt schliesslich in der Erde. Bis in einigen Monaten die ersten Sprossen durch den Schnee stossen. Ein kommen und ein gehen. Sterben und Leben.  

 

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